Rudolf-Steiner-Seminar für Heilpädagogik

Grundausbildungsstätte

Friedrich-Robbe-Institut

 

Jahresarbeit

über Bewegungsstörungen,

Spastik, Athetose, Ataxie

und Alltagshilfen

 

Arbeit im dritten Seminarjahr 

Sandra Fosanelli 

Hamburg 

März 2002 

                  

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Inhalt  

  

1.  Einleitung 

2.  Fallbeschreibung 

3.  Wie funktioniert Bewegung?

     3.1. Worterläuterungen

4.  Der Eigenbewegungssinn 

     4.1. Was ist der Eigenbewegungssinn?

     4.2. Die Erfahrungen des Eigenbewegungssinns

     4.3. Das Sinnesorgan des Eigenbewegungssinns

     4.4. Das innere Erlebnis des Eigenbewegungssinns

5.  Infantile cerebrale Parese 

     5.1. Ursachen einer infantilen cerebralen Parese

6.  Zur Heilpädagogik des Eigenbewegungssinns

7.  Spastik

8.  Athetose

9.  Ataxie

10.Heilpädagogische Diagnostik

     10.1. Zur Motorik

     10.2. Das cerebral gelähmte Kind (Der einsame Mensch)

     10.3. Die Raumesrichtungen

11. Reflexe

     11.1. Asymmetrisch tonischer Nackenreflex

12. Essen, Atmung und Sprache

13. Alltagshilfen am Beispiel meines zu Anfang vorgestellten Kindes

     13.1. Hilfsmittel zum selbstständigen Sitzen

     13.2. Der Stehständer

14. Schlussbetrachtungen

15. Quellenverzeichnis

           

 

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1. Einleitung

Zu Beginn möchte ich erklären, wie ich zum Thema meiner Arbeit gekommen bin. Ich habe im dritten Ausbildungsjahr ein Mädchen − ich möchte sie im weiteren Verlauf Sasi nennen − zu betreuen. Sasi ist ein sogenanntes Rollstuhlkind, welches total auf Hilfe von außen angewiesen ist. Im nächsten Kapitel werde ich sie näher beschreiben.

Im Verlauf meiner intensiven Arbeit mit ihr sind in mir viele Fragen entstanden. Zu Beginn waren es mehr begriffliche Fragen: was heißt genau Spastik und was ist eine Athetose? Wo liegen die Unterschiede? Warum steht Sasi jeden Tag im Stehständer, obwohl sie doch gar nicht alleine stehen kann?

In der nächsten Phase kam mir dann ins Bewusstsein, dass es eigentlich schlimm sein muss, wenn man nichts mit seinem Körper ergreifen kann. Sasi kann nicht über Sprache kommunizieren, sie kann nichts greifen, niemanden in den Arm nehmen.  Sie ist immer Zuschauer.  Sie kann zwar lachen oder jammern, aber sie hat kaum die Möglichkeit, wirklich in ihre Umwelt einzudringen. Da habe ich mich dann gefragt, wie fühlt sie sich, wie erlebt sie ihren Körper und ihre Umwelt? Aufgrund dieser Fragen war mir dann auch klar, welches Thema ich versuchen möchte zu erarbeiten. Und so habe ich mich entschieden, über Bewegungsstörungen zu schreiben. Ich habe versucht, das Thema von mehreren Seiten zu beleuchten und hoffe, dass mir dies auf den folgenden Seiten auch gelungen ist.  

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 2. Fallbeschreibung

Um ein Bild von Sasi zu vermitteln, möchte ich sie kurz beschreiben. Sasi wird in diesem Jahr (2002) neun Jahre alt. Sie ist 1,24 m groß, wiegt 22 kg und hat einen Kopfumfang von 50,5 cm. Sie hat dunkelblonde, leicht gewellte Haare. Die Haut im Gesicht, wie auch am ganzen Körper, ist sehr zart und weich. Die Augen sind grüngrau. Sasis Blick wirkt verschleiert. Sie hat eine leichte Stupsnase. Die Ohren sind schön geformt, wirken am Kopf aber etwas groß. Die Lippen sind gut durchblutet und die Oberlippe ist auffällig schön ausgeformt. Meistens steht der Mund offen und oft hängt auch noch die Zunge heraus. Zwischen den oberen Schneidezähnen, die leicht nach vorne stehen, ist eine Lücke. Oft schneidet Sasi Grimassen, indem sie ihren Mund ganz weit aufreißt.

Insgesamt sitzt sie sehr aufrecht im Rollstuhl und seit neuestem auch mit Sitzhose auf einem „ Tripp-Trapp-Stuhl”. Sie hat eine gute Rumpf- und Kopfkontrolle, und kann sich nach vorne beugen und wieder hochkommen. Der Beckenbügel verhindert das Rutschen in eine falsche Sitzposition. Im Stehständer fällt es ihr noch schwer, den Oberkörper aufrechtzuhalten, oft kippt sie zur Seite. Auf dem Boden kann Sasi nicht alleine sitzen. Wenn man ihr hilft, so rutscht sie in den Zwischenfersensitz. Sie liegt also auf dem Rücken oder Bauch, dreht sich auch alleine mit viel Rudern der Arme und Beine, hauptsächlich über den Kopf, in die jeweilige Position. Versucht man Sasi ohne Stehständer hinzustellen, so knickt sie in den Knien ein, und die Füße über kreuzen sich so, dass ein Fuß auf dem anderen steht.

Sasi spricht nicht und lautiert meistens nur, wenn ihr etwas nicht passt, dann aber lautstark, verbunden mit heftigen Bewegungen der Arme und Beine. Dabei verstärkt sich auch das Grimassieren ihres Mundes.

Ihre ganze rechte Seite ist gegenüber der linken verkürzt. Der rechte Arm ist meistens angewinkelt, indem sie den Oberarm an den Oberkörper drückt und den Ellenbogen beugt. Die Hand ist locker geschlossen und hat einen sehr schlaffen Muskeltonus. Versucht man aber das Ellenbogengelenk zu strecken, so muss man einen deutlichen Widerstand überwinden. Wenn Sasi versucht, nach etwas zu greifen, so kämpft sie gegen dieses verkrampfte Ellenbogengelenk an, und schafft es schließlich auch, den Arm ziemlich gerade vor sich auf den Tisch zu bringen, wo der begehrte Gegenstand liegt. Aber dann kann sie ihre schlaffe Hand nicht öffnen. Um ihr zu helfen, öffne ich die Hand und lege ihr diesen hinein. Aber nun kann die schlaffe Hand den Gegenstand gar nicht halten und er fällt hinunter.

Der linke Arm ist viel mehr in Bewegung, mal gestreckt und locker, mal gebeugt und verkrampft. Wenn Sasi versucht, mit diesem Arm zu greifen, dann wirft sie ihn dem Gegenstand entgegen, kann jedoch die Bewegung nicht mehr rechtzeitig stoppen. Das hat dann zur meistens Folge, dass das Objekt verfehlt wird oder vom Tisch fliegt. Wenn ich ihr aber etwas in die linke Hand gebe, zum Beispiel bei den Mahlzeiten etwas zu essen, dann kann sie die Kraft nicht regulieren und zerdrückt oder zerbricht das Essen. Eine weitere Möglichkeit ist auch die, dass sich die Hand öffnet, sobald etwas darinnen ist.

Wie fühlt sich nun so ein Kind, das mit der Außenwelt in Kontakt treten möchte, das greifen will oder das anfassen will? Aber es geht nicht, weil der Körper nicht so reagiert wie das Kind es gerne möchte? Es ist mir auch eine Frage, warum ist der eine Arm so und der andere so total anders?

Auch über ihre Alltagshilfen habe ich mir Gedanken gemacht. Warum kann sie ohne Beckenbügel nicht sitzen? Warum sitzt sie aber frei auf einem Stuhl mit Sitzhose? Einen großen Kampf hatten wir auch mit dem Trinken. Wir haben mit dreimal Schlucken angefangen und sind jetzt bei einem Becher gelandet. Was ist am Schlucken so schwer?

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3. Wie funktioniert Bewegung?

Zu Beginn will ich mich erst allgemein mit dem Thema Bewegung beschäftigen. Wie funktioniert Bewegung? Woher kommen die Bewegungsimpulse? Was ist der Bewegungssinn und was vermittelt uns die Bewegung, wenn sie gesund ist? Zum besseren Verständnis ist hier die Ansicht des Gehirns. 

 

   

Im Wesentlichen sind drei Schaltstellen im Gehirn für die Bewegung zuständig:

> Die Grosshirnrinde (Kortex)

    Die Grosshirnrinde bedeckt die ganze Oberfläche des Gehirns. Von ihr gehen die Impulse für gezielte Einzelbewegungen aus. Jeder Impuls wird über absteigende, sich kreuzende Pyramidenbahnen über das Rückenmark und über weitere Schaltstellen (Synapsen) zu den entsprechenden Muskeln weitergeleitet.

>  Das Stammhirn (unterteilt in Mittelhirn, Brücke und verlängertes Rückenmark)

   Der Hirnstamm ist der unterste Gehirnabschnitt. Für differenzierte Bewegungen sind vom Stammhirn kommende über extrapyramidale Nervenbahnen verlaufende, unwillkürliche Bewegungsimpulse notwendig. Das Stammhirn hat die Aufgabe, die normale Stellung des Körpers im Raum zu gewährleisten und sein Gleichgewicht aufrecht zu erhalten.

>    Das Kleinhirn

    Das Kleinhirn liegt in der hinteren Schädelgrube. Es  unterstützt und koordiniert die Tätigkeit praktisch aller motorischen Zentren. Ihm kommen drei Aufgaben zu:

    −  die stützmotorischen Anteile von Haltung und Bewegung werden

        gesteuert und korrigiert;

    langsame zielmotorische Bewegungen und ihre Koordination

        mit der Stützmotorik werden gewährleistet; 
     − es sorgt für die aufrechte Haltung oder die Änderung
        der Körperstellung.
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3.1. Worterläuterungen
Mittelhirn − Dieses enthält akustische und optische Reflexzentren und
    Kerne des extrapyramidalen Systems für die Steuerung von Augen-, 

    Kopf- und Rumpfbewegungen.

Brücke (Pons) Unter anderem enthält die Brücke ein Regulations-

    zentrum für die Atmung. 

Verlängertes Rückenmark Dieses bildet den Übergang zwischen Stammhirn und Rückenmark. Sämtliche motorische Leitungsbahnen zwängen sich hier hindurch. Auch kreuzt hier die Pyramidenbahn zur Gegenseite. Das verlängerte Rückenmark erhält Informationen aus praktisch dem ganzen Körper. Es enthält die Zentren für Atmung, Kreislauf, Herztätigkeit und verantwortet lebenswichtige Reflexe, wie die Atem-, Schluck-, Husten- und Niesreflexe.

Pyramidenbahn (Bahn der Willkürmotorik) Die Pyramidenbahn ist der Träger aller zielgerichteten Bewegungen, denen bewusste Impulse zugrunde liegen. Sie läuft von der Großhirnrinde zu den motorischen Hirnnervenkernen und zum Rückenmark.

Synapse (Umschaltstelle) bei der Erregungsübertragung von einer Nervenzelle auf eine andere oder von einer Nervenzelle auf eine Muskelzelle. 

Extrapyramidale Nervenbahnen Das extrapyramidale System steuert die „automatischen” Bewegungen und den Muskeltonus. 

Um das Wesen der Bewegung zu erfassen, habe ich mich mit dem Bewegungssinn, einem der vier unteren Sinne, auseinandergesetzt. Es sind dies vier Sinne, mit denen Menschen ihre eigene Leiblichkeit erfassen.

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4. Der Eigenbewegungssinn
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4.1. Was ist der Eigenbewegungssinn?

Der Eigenbewegungssinn ist ein Sinn, der uns eine Empfindung der eigenen Leiblichkeit als Aufgabe zu vermitteln hat. Mit dem Eigenbewegungssinn nehmen wir die Lage und Stellung der einzelnen Glieder des Körpers zueinander wahr.

Der normale Ablauf einer Bewegung kann sich nur dann vollziehen, wenn der Eigenbewegungssinn unversehrt ist. Jede Bewegung kann nur sinngemäß ablaufen, wenn sie auch richtig wahrgenommen wird. Der Bewegungssinn gibt der Bewegung ihren Sinn! Ohne Wahrnehmung zerfällt die Motorik in Teilbewegungen und sinnlose Bewegungsversuche.

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4.2.  Die Erfahrungen des Eigenbewegungssinnes

Überall wo Muskeln sind, ist auch der Bewegungssinn vorhanden, sein Wahrnehmungsfeld liegt also im Gebiet der Muskeln. Die Tätigkeit der Muskulatur wird vom Eigenbewegungssinn wahrgenommen, jedoch liegt diese Tätigkeit an der Schwelle des Tagesbewusstseins und entgeht meistens unserem Erleben. [Nach Steinke: Wenn wir singen, nehmen wir nicht bewusst wahr, was die Muskeln unseres Kehlkopfs tun.]

Der Eigenbewegungssinn nimmt aber auch die Lage der einzelnen Glieder des Leibes zueinander wahr, und diese Tätigkeit wird in das Feld der Wahrnehmung hinaufgehoben. Wir wissen, ob ein Finger gebeugt ist und können auch die kleinste Bewegung einer der Gliedmaßen wahrnehmen. Des weiteren hat der Eigenbewegungssinn ein Gesamterlebnis der großen Bewegungsformen. Zum Beispiel: Stehen, Gehen, Springen, Schreiben ... Diese Bewegungsformen erheben sich zu einem Bild im Gebiet der Vorstellungen. Sie werden durch Übung und wiederholendes Vollziehen erworben. Das ungetrübte Vorstellungsbild ist für ihren geregelten Ablauf ebenso notwendig wie die Tätigkeit der Motorik selbst.

 

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4.3. Das Sinnesorgan des Eigenbewegungssinnes

Der tätige Muskel, der sich zusammenzieht und entspannt, ist schon ein Teil des eigentlichen Sinnesorgans. Es gibt im Innern der Muskeln, Muskelspindeln. Diese sind undifferenziert gebliebene Muskelfasern, die sich vom umliegenden Gewebe abgekapselt haben, sozusagen ein Muskel im Muskel. Diese Muskelspindeln dienen der Wahrnehmung der Stellung und Bewegung der Teile unseres Leibes zueinander. Aus ihnen kommen die Wahrnehmungen der Bewegung und die Vorstellung der komplizierten Bewegungsvorgänge.

Neben den die Muskelspindeln versorgenden Nervenfasern, gibt es außerdem eine sehr große Anzahl von Nerven, die in engstem Kontakt mit den Muskelfasern selbst zu stehen scheinen. Diese den Muskel zahllos durchsetzenden Nervenorgane werden als „motorische Endplatten” bezeichnet. Die „motorischen Endplatten” sind nicht Veranlasser der Muskelbewegung, sondern die Träger „der inneren Wahrnehmung” für die Stoffwechselvorgänge, die sich im Muskel abspielen. 

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4.4. Das innere Erlebnis des  Eigenbewegungssinns
Welche Gefühle gibt uns der Eigenbewegungssinn?

[Nach Steiner: Er gibt uns „jenes Freiheitsgefühl”, das den Menschen sich als Seele empfinden lässt.

Was soll das bedeuten?

Der Eigenbewegungssinn befreit uns, weil wir durch ihn weder den Leib noch die Umwelt als Zwang oder Last empfinden. Die Seele erobert beim Gehen den Raum, sie durcheilt ihn beim Laufen, bewältigt ihn im Steigen und Klettern. Sie erobert aber auch die Materie, indem sie sie umzugestalten lernt, unter anderem beim Kneten, Weben, Formen...  

Im Zusammenwirken mit dem Eigenbewegungssinn werden immer mehr Handhabungen erworben, und wenn die Seele im Entfalten ihrer motorischen Fähigkeiten lebt, so durchdringt sie ein einziges Gefühl: Freude. Aus dem Reich des Eigenbewegungssinns erwächst uns dieses Gefühl. Die Freude ist ein Ausdruck für die Befreiung aus einer bisher getragenen oder erduldeten Fesselung.

Wenn die Freude im Seeleninnern aufgeht, dann verklärt sich das Antlitz des Menschen in der Geste des Lächelns. Lächeln ist nicht nur eine Aussage, sondern gleichzeitig eine Antwort auf dasjenige, was uns wirklich oder in der Vorstellung entgegentritt. Eine Antwort auf die Person, den Gegenstand oder die Vorstellung, wofür unser Herz sich zuneigend aufschließt. Als Aussage offenbart das Lächeln die einfache Freude. Als Antwort hingegen, weist das Lächeln auf etwas Neues hin.

Nach den Betrachtungen über die Funktionsweise und das Wesen der gesunden Bewegung, komme ich nun zur gestörten Bewegung. Wie kommt es zu Bewegungsstörungen? 

 

5. Infantile cerebrale Parese
      (das Gehirn betreffende Minderung  der 
      Bewegungsfähigkeit)

Eine cerebrale Parese, die als Folge eines frühkindlichen Hirnschadens auftritt, wird mit dem Zusatz „infantil” versehen. Dies dient der Abgrenzung zu später auftretenden Hirnschädigungen.

In meiner Arbeit befasse ich mich ausschließlich mit Paresen, welche als Folge frühkindlicher Hirnschädigungen auftreten. Eine infantile cerebrale Parese liegt dann vor, wenn der Entstehungszeitpunkt für die Schädigung im Zeitraum von Beginn der Schwangerschaft bis zum Ende des zweiten Lebensjahres liegt.

Am Ende des zweiten Lebensjahres sind wesentliche Entwicklungen, Wachstums- und Differenzierungsvorgänge der gesamten Hirnstrukturen abgeschlossen. Das Wort cerebrale Parese besagt, dass im Bewegungsablauf eine abnorme Veränderung vorliegt. Diese Veränderung der Bewegung wird hervorgerufen durch einen Defekt, eine Verletzung oder eine Erkrankung des im Schädel und Rückenmark befindlichen Nervengewebes (Zentralnervensystem). Bei allen Bewegungsstörungen liegt die Abnormität darin, dass − bei normaler Muskelkraft − die Muskelspannung abnormal, das Zusammenspiel der Muskeln also gestört ist.

Neben den motorischen Störungen kann es zu weiteren Folgeschäden kommen. Es können Lernbehinderungen, psychologische Schwierigkeiten, Wahrnehmungsstörungen, Krämpfe und Verhaltensstörungen auftreten.

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5.1.  Ursachen einer Infantilen cerebralen Parese

Die Ursachen werden in drei Zeiträume eingeteilt. Die Schädigung kann dann im prä-, peri-, oder postnatalen Zeitraum auftreten:

pränatal bedeutet, dass vor der Geburt Komplikationen auftraten. Unter anderem: Infektionen, Verletzungen, Blutungen, Blutgruppenunverträglichkeit, Medikamente, Nikotin- und Alkoholmissbrauch;

perinatal sagt aus, dass es während der Geburt Komplikationen gab. Unter anderem: Atemstillstand des Kindes (es kommt zu Schädigungen, wenn das Gehirn fünf Minuten nicht mit Sauerstoff versorgt wird), Sauerstoffmangel im Blut, Nabelschnurkomplikationen, Hirnblutungen, Frühgeburt, geburtshilfliche Komplikationen;

bei den postnatalen Ursachen sind es Komplikationen nach der Geburt, die ausschlaggebend sind. Unter anderem: Infektionskrankheiten, Hirnhautentzündung, Gehirnentzündung, Krampfanfälle, Kopfverletzungen, Blutverlust des Neugeborenen.

Im Säuglings- und Kleinkindalter können als weitere Risikofaktoren Viruserkrankungen, Impfschäden, Keuchhusten, Kreislaufschäden und Hirnverletzungen hinzukommen.

 

6. Zur Heilpädagogik des Eigenbewegungssinns
Die größte Gruppe von Entwicklungs- und Inkarnations-

störungen hängt mit der Ausbildung der Motorik 

zusammen. Alle Errungenschaften der individuellen Motorik, wie Gehen oder Sprechen, helfen der Seele im Leibe Fuß zu fassen. Schritt für Schritt nimmt sie die Räume des Leibeshauses in Besitz, und jeder dieser Schritte ist ein motorischer Vollzug.

Ganz besonders gestört ist der Eigenbewegungssinn bei allen bewegungsbehinderten Kindern. Bei diesen Kindern konnte sich der Bewegungssinn, aufgrund mangelnder Motorik, nicht entfalten. Die Gliedmaßen sind aber nicht nur aus einem Mangel an Motorik, sondern auch aus dem Mangel an Sensorik gelähmt. Das Kind empfindet deswegen seine Gliedmaßen nicht als ihm zugehörig und bleibt zu ihnen beziehungslos. Arme oder Beine sind zu Teilen der Außenwelt geworden, die zappeln können, um sich schlagen oder auch gar nichts tun, ohne dass das Kind einen Einfluss darauf hat. Denn dadurch, dass der Eigenbewegungssinn durch den Verlust der Motorik unentwickelt geblieben ist, fehlt auch die Eingliederung des Armes (aus Mangel an Sinnesempfindung) in den Raum des Leibes.

Man kann nun die verschiedenen Bewegungsstörungen in verschiedene Erscheinungsformen einteilen. Hierbei werde ich mich im weiteren Verlauf näher mit der Spastik, der Athetose und der Ataxie befassen.


7. Spastik (griech. Krampf), pyramidales Syndrom
Die Spastik entsteht als Folge einer Schädigung pyra-

midenbahnnaher Nervenbahnen. Das heißt, Nerven-

bahnen, die nahe dem Träger aller zielgerichteten Bewegungen liegen (Bahn der Willkürmotorik), sind geschädigt. Das pyramidale System ist eine Zone im Gehirn, das gewisse Impulse, Reize oder Zusammenziehungen der Muskeln unterdrückt.

Ist dieses System gestört, so findet eine Unterdrückung nicht statt. Dadurch geht das Gleichgewicht zwischen den zusammenziehenden und den entgegenhaltenden Muskeln verloren. Das heißt, der eine Muskel will sich strecken und der andere hält gleichzeitig dagegen. Die Muskeln verharren deswegen in einem gespannten oder verkrampften Zustand, Bewegungen sind nur mit großer Anspannung möglich.

Wenn man zum Beispiel versucht, den Arm eines Spastikers zu dehnen, so setzen die Muskeln der Bewegung am Anfang einen erhöhten Widerstand entgegen, der im weiteren Verlauf der Bewegung nachlässt. Bewegt man ihn allerdings ganz vorsichtig und langsam, so bleibt die Spastik gering.

Die Spastik wird besonders erhöht, wenn der Betroffene eine gewollte, schnelle Bewegung ausführen will, wenn er sich einseitig anstrengt, wenn er Angst hat oder Schmerzen erleidet. Ist ein Spastiker in Ruhe, so ist sein Muskeltonus häufig auffallend niedrig (hypoton).

Jede Eigenbewegung kostet Mühe. Überhaupt sind isolierte Bewegungen nur erschwert möglich, meist kommt es zu Mitbewegungen an anderen Gliedmaßen. Die motorische Bewegungsfähigkeit ist beim spastischen Kind stark eingeschränkt, auch in der Feinmotorik gibt es große Schwierigkeiten. Die Körperhaltung ist meist starr und es treten stereotype Bewegungsmuster auf.

Bei einer ausgeprägten Spastik sind die oberen Gliedmaßen meist in einer Beugehaltung, während die unteren Gliedmaßen meist in Streckung sind. Meist sind die Oberarme an den Körper gedrückt, die Ellenbogen sind gebeugt und die Unterarme nach innen gedreht. Auch die Handgelenke sind gebeugt und die Hände sind oft mit eingeschlagenem Daumen gefaustet. Bei den Beinen herrscht die Streckung vor. So sind auch oft Hüfte und Füße überstreckt. Die Füße sind dann in einer Spitzfußhaltung.

Diese anormale Haltung führt generell zu Muskelverkürzungen und nachfolgend auch zu Gelenkversteifungen und Gelenkfehlstellungen.

Im Bereich der Sensorik ist es so, dass das Kind zum Beispiel bei einem plötzlichen Geräusch mit verstärkter Muskelkontraktion reagiert. Die kleinste sensorische Erregung wenn sie unerwartet kommt ruft zunehmende Spastizität hervor. 

Es scheint so, dass Kopf und Körper bei einem spastischen Kind sich nicht ausreichend voneinander differenziert haben. Der Kopf ist normalerweise der ruhende Pol, der die Sinneseindrücke aufnimmt und die Bewegungen ordnet. Beim spastischen Kind sieht es nun so aus, dass sich die Sensivität, die normalerweise im Kopf lokalisiert und konzentriert ist, sich über den ganzen Organismus ausbreitet.

Darüber hinaus ist ganze Körper überempfindlich, sozusagen kopfähnlich. Wenn man die fehlende Differenzierung von Kopf und Leib, vom Leib aus betrachtet, so ist der Kopf zu wenig vom Körper isoliert oder abgegrenzt, sodass er von impulsiven Bewegungsformen mitergriffen wird.

Betrachtet man den Eigenbewegungssinn bei einem Spastiker mit Tetraparese (alle vier Gliedmaßen sind betroffen ), so fallen Motorik und Eigenbewegungssinn völlig auseinander. Eine motorische Starre behindert den Fluss aller Bewegungen, und dadurch bleibt auch die Wahrnehmung der unbeweglichen Gliedmaßen starr und sklerotisch. Es ist, wie wenn der Eigenbewegungssinn die leblosen Arme und Beine gleich einem Panzer umgibt. 

 
8. Athetose (griech. ohne feste Stellung),
                            extra−pyramidales Syndrom

Der Defekt liegt also im extrapyramidalen System. Dieses System ist zuständig für die automatischen Bewegungen und es steuert den Muskeltonus.

Ausgeprägte Athetotiker haben keine Kontrolle über ihre Körperhaltung, ihre Bewegungen und den Gesichtsausdruck. Sie machen fortgesetzt unfreiwillige Bewegungen. Die Bewegungen sind unregelmäßig und schießen übers Ziel hinaus, sie können aber auch langsam und gedreht sein. Die Kinder krümmen oder winden sich und verziehen ihr Gesicht zu Grimassen. Ruckartige Bewegungen lassen gebeugte Glied­ maßen in eine übermäßige Streckung bringen. Wenn das Kind erregt ist, so nehmen die Verkrampfungen zu, ist es aber in Ruhe, so ist die Muskelspannung niedrig.

Bei athetotischen Kindern ist die Kopfkontrolle sehr erschwert. Sie neigen zu Überstreckung von Kopf und Rumpf. Dadurch fällt es diesen Kindern immer schwer in eine höhere Position zu kommen. Die Gesichts- und Mundmotorik lässt sich kaum kontrollieren, dadurch sind Mimik, Sprache und Nahrungsaufnahme praktisch immer behindert. Oft sind auch die Finger überstreckt und gespreizt, was das Hantieren beeinträchtigt, wie auch die Zielsicherheit der Bewegungen. Es kann zu Gelenkfehlstellungen an den Füssen kommen. Meistens ist das Gehen nur bei leichten Formen der Athetose möglich und auch da erst recht spät.

Beim athetotischen Kind rufen eher emotionale als sensorische Reize, die unwillkürlichen Bewegungen hervor. Das Kind rotiert mit Händen und Füßen, wenn es Sympathie zu jemandem in sich aufsteigen fühlt. Es sind mehr seine Lebensgefühle als seine Sinne, die athetotische Bewegungen auslösen.

Bei der Athetose zeigt sich eine andere Disharmonie zwischen Kopf und Leib. Es liegt hier eher eine Störung in der Differenzierung zwischen dem Kopf und dem „mittleren” System von Atem und Herzschlag sowie der Arme und Hände vor. Es ist also die Funktion des mittleren Systems so überwältigend für das Kind, dass emotionale Reaktionen sich in Bewegungsformen äußern, die nach oben steigen und ebenfalls den Kopf ergreifen.

Betrachtet man den Bewegungssinn, so kommt es beim Athetotiker zu dauernden, stoßhaften Unterbrechungen in der Empfindungssphäre, die der Bewegungssinn ihm vermittelt. Durch die unwillkürlichen Bewegungen entstehen Lücken in der Wahrnehmung derselben.

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9. Ataxie (griech. ohne Ordnung)

Die Ursachen der Ataxie liegen in einer Schädigung des Kleinhirns, des Rückenmarks oder peripherer Nerven. Die Kontrolle bei der Zusammenarbeit einzelner Muskeln ist gestört, wie auch die Gleichgewichtsreaktionen. Eine Bewegungsabsicht bewirkt an sich die richtige Muskelkontraktion, sie wird aber von dem entgegenwirkenden Muskel ungenügend ausgeglichen, sodass die Bewegung über das Ziel hinausschießt. Auch liegt eine Schwäche und rasche Ermüdbarkeit der Muskeln vor. Die Grundspannung der Muskulatur ist vermindert (hypoton). Zielgerichtete Bewegungen auszuführen fällt diesen Kindern schwer.

An sich willentliche Bewegungen erfolgen derart ausfahrend, dass das Gleichgewichtsgefühl des Kindes völlig durcheinandergeraten kann. Besonders bei raschen Bewegungen treten Richtungs- und Beschleunigungsstörungen auf. Bei feinmotorischen Bewegungen kann heftiges Zittern auftreten. Meist ist das Gehen möglich, wobei das Gangbild jedoch staksig, schwankend und breitbeinig ist. Die Balance wird unsicher gehalten und die Arme helfen mit großräumigen Ausgleichsbewegungen mit. Beim Hinsetzen und beim Treppensteigen sind die Bewegungsauffälligkeiten besonders gut zu sehen. Meistens haben diese Kinder auch Sprachstörungen.

Bei allen ataktischen Kindern sind die Störungen des Eigenbewegungssinns besonders deutlich zu sehen. Durch den teilweisen Verlust des Gleichgewichtes werden die Bewegungen hart, unsicher und steif. Eine dauernde Furcht zu fallen, behindert jeden Bewegungsansatz und erstickt motorische Aktivitäten oft schon im Keim.

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10. Heilpädagogische Diagnostik (Karl König)
Aus dem Buch „Heilpädagogische Diagnostik”
von Karl König, möchte ich nun einige Themen

zur Motorik gesondert betrachten. Sie bringen zusätzliche Aspekte in das Bild der Bewegungsstörungen.

10.1. Zur Motorik

Der Mensch ist immer Handelnder und in allem was er tut, liegt Motorik. In seinen Bewegungen liegt der Ausdruck seiner Persönlichkeit und Individualität. Wenn wir einen Menschen wirklich motorisch registrieren, so bedeutet dies, dass wir seinem Wesen wirklich nahe kommen. Was heißt, die Motorik zu registrieren? Man muss sich fragen, wie sind die Bewegungen? Sind sie rund, eckig, angespannt oder locker? Ist der Mensch, den wir betrachten, geschickt oder ungeschickt? Kann er/sie Dinge tun, ohne hinzusehen? All dies ist eine Wesensoffenbarung innerhalb der Motorik. Um die Bewegung begreifen zu können, müssen wir sie als musikalisches Geschehen betrachten. Wie ist dies nun zu verstehen? 

Ein Kind im ersten Lebensjahr richtet sich von oben nach unten auf. Es hebt erst seinen Kopf, lernt dann die Arme aufzustützen, kommt dann hoch zum Sitzen und am Ende lernt es stehen. In diesem Vollzug entwickelt das Kind das „Instrument seines motorischen Musizierens”. Das Kind lernt in den Kräften der Schwere sein Gleichgewicht zu halten. Es lernt Haltungen einzunehmen.

Gleichzeitig mit der Aufrichtung, beginnt auch die Bewegung. Es bildet sich der Muskeltonus aus, der zu stark oder zu schwach, zu schlaff oder zu straff sein kann; das kommt auf die Entwicklung dieser betroffenen Individualität oder ihrer Störungen an. Diese Entwicklung bedeutet nun, dass das Instrument seine Saiten bekommt, bestehend aus Muskeln und Sehnen, die richtig oder falsch − zu schlaff oder zu straff − gespannt sind. Ob dann die Bewegungen fließend oder starr sind, das hängt von der Bespannung der Saiten ab. Die Spannung der Saiten ist also etwas anderes als das Instrument selbst.

Auf diesem Instrument nun können wir Bewegungsmelodien lernen. Dies bedeutet, dass die Motorik nicht aus Einzelbewegungen besteht, wie dies zum Beispiel bei den Reflexen der Fall ist, sie besteht aus Melodien, aus komplexen Bewegungsgestalten. Wenn solche Bewegungsgestalten nicht zustande kommen, also keine Melodien auf dem Instrument gespielt werden können, dann spricht man von einer fehlenden Ausbildung der Motorik.

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10.2. Das cerebral gelähmte Kind
         (Der einsame Mensch)

Wenn wir ein cerebral gelähmtes Kind anschauen, dann fällt uns etwas auf, was wir bei einem Säugling ganz normal finden würden: kein neugeborenes Kind kann sitzen oder stehen, geschweige denn laufen. Doch genau diese Merkmale werden in einer späteren Entwicklungsphase des Kindes als Symptome einer cerebralen Lähmung erkannt.

Cerebral gelähmte Kinder können ihre Gliedmaßen gar nicht oder nur unzureichend benutzen. Gliedmaßen haben und verwenden, heißt aber „erdenreif” werden. Die Gliedmaßen sind zum Zeitpunkt der Geburt im Verhältnis zum Kopf klein. Im ersten Lebensjahr wachsen sie viel schneller als der Kopf, und diese Entwicklung macht Menschen erdenreif. Das bedeutet also, dass ein cerebral gelähmtes Kind nicht erdenreif wird. Es entfaltet sich nicht genügend, weil es seine Gliedmaßen nicht aus der Säuglingsphase herausbringt.

Betrachtet man diesen Sachverhalt beim Spastiker, so ist die Spastizität ein durchaus „harmonische Gelähmtsein” des Säuglings. Wenn wir nun das Instrument eines Spastikers betrachten, so sehen wir einen gesunden Körper, allerdings sind die Saiten des Instruments falsch gestimmt. Deshalb kommt es dann zu keiner Bewegungsgestalt, zu keiner Melodiebildung. Das Instrument wird durch die Saiten so zusammen gezogen, dass dieser Mensch seinen Leib durchdringen kann, er kann aber durch den Leib nicht mehr in den Raum eintauchen.

Ein Athetotiker kann sich bewegen, doch wird er immer wieder von Impulsen durchschossen, die gar nicht seine eigenen sind. Der Athetotiker ist ein Mensch, der sich nicht nur aus dem „Ich” heraus bewegt wird, sondern auch von dem „Es” bewegt wird. Er kann den Verlauf seiner Bewegungsvollzüge nicht beherrschen. Will er etwas ergreifen, so wird er von Bewegungsimpulsen beeinflusst, die nicht ich-haft sind; wenn er sprechen will, überwinden ihn seine Sprachwerkzeuge, anstatt dass er sie überwindet. Diese Bewegungen sind in abgewandelter Form, diejenigen die ein Säugling macht, wenn er beginnt zu strampeln. Das Strampeln ist die natürliche Athetose.

Bei der Ataxie wurde das Instrument nicht vollständig herausgebildet. Das heißt die Eingliederung der Schwere in unsere Leiblichkeit gelingt nicht. Die Kinder haben nicht gelernt, das richtige Gleichgewicht in der Schwere zu finden. Der Ataktiker ist ein Kind, das vielleicht im neunten, zehnten Monat gerade lernt herumzugehen, indem es sich festhält. Es hat es aber nicht geschafft, in den zwölften, dreizehnten Monat hineinzugehen.

Wenn man ein Kind mit cerebralen Lähmungen betrachtet, so merkt man, dass es in einer Isolation lebt. Es ist aber nicht kontaktgestört. Es hat Kontakt zu vielen Menschen, und doch ist es ein einsames Wesen. Cerebral gelähmte Kinder sind einsam, weil sie an allem, was die Erde uns unmittelbar bietet, an der Schwere und Leichte, an Luft, Wärme, Kälte ... nur minimalen Anteil haben. Dies kommt daher, weil sie sich durch den Verlust der Gliedmaßentätigkeit nicht in die dreifache Gestalt des Raumes einordnen können. Darauf werde ich später noch genauer eingehen. 

Diese Kinder haben keine Gestaltvorstellung. Wenn sie ein Haus zeichnen, so sind irgendwo die Fenster und irgendwo ist eine Tür. Es hat aber nichts mit den gelähmten Gliedmaßen zu tun, dass sie die Form nicht aufs Papier bringen können. Sondern die Gestaltvorstellung ist zerstört und die Ausbildung des Körperschemas fehlt. Auch ist das unmittelbare Empfinden des eigenen Leibes vollkommen zerrissen. Und dennoch sind diese Kinder eigentlich oft von einer erstaunlichen Märchenwelt umgeben, einer zerrissenen Welt, wo die Kühe im Himmel schweben, irgendwo eine Mutter erscheint, dann der Kopf des Vaters und im Hintergrund Häuser, die viel kleiner sind als die Menschen. Daraus wird uns die Einsamkeit dieser Kinder bewusst, denn sie leben irgendwie nicht in unserer Welt.

Jedes gelähmte Kind hat neben der motorischen Störung eine ganz schwere sensorische Störung in der Sphäre der Leibes-Sinne. (Tastsinn, Lebenssinn, Eigenbewegungssinn, Gleichgewichtssinn). Jedem bewegungsgestörten Kind fehlt mehr oder weniger das Erfassen der eigenen Leiblichkeit, das Grunderlebnis der Existenz. Im Entwickeln der Leibes-Sinne und der zusammenhängenden Motorik, nimmt das Kind Besitz von seinem Leib (Inkarnation). Gleichzeitig beginnt das Kind zwischen den verschiedenen Dingen und Wesen, die ihm begegnen, zu unterscheiden. In diesem Sinne ist eine motorische Störung auch eine Störung der Inkarnation.

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10.3.  Die Raumesrichtungen

Man kann nun die Lähmungen in ihren Seitigkeiten betrachten, und sie in den dreidimensionalen Raum einordnen.

Die Hemiparese beschränkt sich auf eine Seite, also auf rechts oder links. Das heißt, dieser Mensch ist nicht eingeordnet in das Rechts/Links des dreidimensionalen Raumes. 

Eine Paraparese betrifft für gewöhnlich die beiden unteren Extremitäten. Es liegt hier eine Störung des Zusammenspiels von oben und unten vor.

Bei der Tetraparese, die alle vier Gliedmaßen betrifft, liegt die Störung im Vorne und Hinten. Das heißt dieser Mensch ist nicht eingeordnet in das Vorne und Hinten des dreidimensionalen Raumes.

Bei dieser Betrachtungsweise wird nun der Schädigungsort im Gehirn unwesentlich, wichtig wird die Eingliederung des Menschen im dreidimensionalen Raum.

Es ist wichtig in die dreidimensionale Ebene auch drei Stufen der Inkarnation hineinzulegen. Es sind die drei Stufen von Blick, Griff und Tritt. Dies sind nicht nur einfach drei Tätigkeiten, sondern sie bewegen sich im räumlichen Sinne vom oberen zum mittleren und unteren Bereich unseres Organismus. Und genauso inkarniert sich das Kind im ersten Jahr. Es lernt das Blicken, kommt von da zum Greifen und erlernt zum Schluss das Gehen.

   

Wie kann man nun das Blicken, das Greifen und das Gehen
in den Raum einordnen?

 

Wenn man mit dem Auge einfach nur schaut, dann erfassen wir ein zweidimensionales Bild, welches sich in einer einzigen Ebene vor uns ausbreitet. Diese Ebene liegt parallel zur Stirn beziehungsweise parallel zu der sogenannten Frontalebene unseres Körpers. Das reine Sehen nimmt also von der Frontalebene seinen Ausgang.

Wenn man nun aber einen Gegenstand oder ein Wesen in seiner räumlichen Tiefe erfassen will, muss man die Augachsen kreuzen. Dabei kommt man vom oberflächlichen Schauen zum Erblicken. Dieser Vorgang spielt sich in der sogenannten Sagittalebene ab. Es ist die Ebene, die rechts und links scheidet. In der Sagittalebene kreuzen sich die beiden Augachsen, und dadurch wird erblickt. Das Schauen in einer Ebene wird also zum Blicken in zwei Ebenen.

Nun komme ich zum Griff. Hier kommt eine weitere Ebene ins Spiel. Die Ebene, in der wir uns orientieren, wenn wir aus den Armen oder aus dem Brustbereich heraus tätig werden. In dieser Horizontalebene wird auch ein- und ausgeatmet. Indem der Mensch nun zum Griff kommt − also rechts und links zusammenbringt − verbindet er die Horizontale mit der Sagittalebene. 

Beim Schreiten findet jedoch keine Kreuzung statt, die Beine und Füße berühren sich nicht. Die Rechts-Links-Trennung bleibt bestehen. Die Beine bewegen sich auch in der Frontalebene, also vor oder zurück. Und sie müssen über die Horizontalebene hinauf und wieder hinunter.

Beim Blicken verbindet sich also die sagittale mit der frontalen Ebene, beim Greifen wird die sagittale mit der horizontalen Ebene zusammengefügt und beim Gehen werden schließlich alle drei Ebenen, die Sagittale, die Frontale und die Horizontale, miteinander verwoben. Daraus ergibt sich die Linie des Ich-Erlebens im Blick, im Griff und im Tritt. Diese Linie des Ich-Erlebens geht innerhalb der Sagittalebene durch den ganzen Organismus und durch unsere ganze Existenz hindurch. Nur wenn die Sagittalebene unentwegt Erlebnis ist, empfinde ich mich als Individualität.

Nun kann man betrachten wie gelähmte Kinder in diesen Ebenen leben. Bei einem Kind mit einer Tetraparese erscheint die Lähmung in der Frontalebene, also im Vorne/Hinten. Dieses Kind lebt im Vorne, es lebt im Tag, im Schauen. Aber hinten ist alles Dunkel, da ist ein Nichtwissen und Abgeschnittensein, da ist Angst. Von dieser Angst ist dieses Kind erfüllt. Es versucht die Angst zu überbrücken, indem es lächelt. Dieses Kind muss lernen zu blicken, damit es aus der Zweidimensionalität her­auskommt und nicht nur im Tag lebt. Bei diesem Kind spielt sich alles auf der Oberseite der Existenz ab. Ein Erlebnis vom Hinten oder vom Zusammenspiel zwischen vorne und hinten hat es nicht

Das Kind mit der Paraparese ist im oberen Bereich frei. Es kann in den Armen leben und kann seinen Kopf frei bewegen. Es ist in die Leichte hinauf orientiert. Aber die Schwere, das Erlebnis der Erde fehlt ihm. Diese Kinder verspinnen sich in ihren Ideen und schweben nach oben weg, sie können aber die Erde nicht erreichen, können das Dunkel nicht durchdringen. Oben und unten trennt also die Welt der Leichte von der Welt der Schwere, den Morgen vom Abend. Am Morgen fühlt man sich leicht und am Abend müde und schwer.

Beim Kind mit der Hemiparese fehlt der harmonische Zusammenhang der rechten und der linken Seite der Leibesorganisation, dadurch kann er seine Ich-Linie nicht unmittelbar erleben. Diese Kinder sind im Grunde Doppelgebilde, die aus einer rechten und einer linken Seite bestehen. Und in der Mitte, der Sagittalebene bleibt ein „Spalt”.

Rechts und Links lebendig vereinen zu können, heißt „ich-mir-mich” sagen und erfassen zu können. Wenn ich „Ich” sage, so schließe ich die Welt mit ein, sie ist darin enthalten. Beim „mir” sagen, unterscheide ich dieses „mir” von einem anderen „mir”. Wenn ich aber „mich” sage, so bezieht sich das nur auf mein eigenes Ich, das ist „mich”.

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11. Reflexe 

Bei den cerebralen Bewegungsstörungen bleiben viele frühkindliche Reflexe bestehen. Reflexe sind unwillkürliche Bewegungsautomatismen, ihre Impulse gehen vom Hirnstamm aus. Sie regulieren die Stellung des Körpers im Raum und die Stellung der Gliedmaßen zueinander. Wenn nun beim Kleinkind die Großhirnrinde heranreift, dann gehen die Reflexe in komplexere Bewegungsmuster über. Liegt eine Schädigung des Großhirns vor, so können die Reflexe nicht abgebaut werden.

Ich will nun einen frühkindlichen Reflex nehmen und erklären wie die Bewegung sich gestaltet, wenn sich dieser nicht auflöst. Ich konnte diesen Reflex selbst bei einem Kind meiner Klasse beobachten.

11.1. Asymmetrisch Tonischer Nackenreflex 

Bei isolierter Drehung des Kopfes zu einer Seite werden die Extremitäten der „Gesichtsseite” gestreckt und die der „Hinterhauptseite” gebeugt (Fechterstellung). Wenn nun dieser Reflex bestehen bleibt, können die Hände nicht in der Mitte zusammengebracht werden. Das Spielen mit den eigenen Händen und Füßen ist unmöglich. Der Mundbereich kann nicht durch die eigenen Hände stimuliert werden, dies führt zu einer bleibenden Überempfindlichkeit des Mundes. Die Kinder können nicht beidhändig agieren, dadurch werden die Erfahrungen im materiellen Bereich eingeschränkt. Sie können zum Beispiel einen Ring in seiner Form nie ganz erfassen. Kinder in der Fechterstellung können sich nicht von der Rücken- in die Bauchlage drehen, dadurch kann sich kein Raumgefühl entwickeln. Der asymmetrisch tonische Nackenreflex, wenn er bestehen bleibt, hat oft Wirbelsäulenverbiegungen zur Folge.

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12. Essen, Atmung und Sprache

Die meisten Kinder mit Bewegungsstörungen haben große Probleme mit Essen und Trinken und es braucht viel Geduld, es ihnen beizubringen. Wenn es aber gelingt, die Ess- und Trinkbewegungen unter Kontrolle zu bekommen, so ist für die Sprachentwicklung ein entscheidender Schritt getan. Es ist nämlich so, dass die Muskeln fürs Sprechen in erster Linie zum Atmen und Essen da sind. Die Atmung verbessert sich durch die Kontrolle beim Essen und Trinken, der unkontrollierte Speichelfluss wird gehemmt und das Kind lernt seinen Mund zu schließen. Auch lernt es seine Zunge nicht mehr heraushängen zu lassen.

Das richtige Atmen ist wichtig, damit die Sprache nicht abgehackt, sondern gleichmäßig klingt. Das Sprechen nun beruht auf einem präzisen Zusammenspiel zwischen Mimik und Gestik. Es zeigen sich nun Störungen im völligen Versagen der Mimik oder im übertriebenen Grimassieren. Oft ist bei Kindern mit cerebraler Parese auch der ganze Körper beim Sprechen in Bewegung. Störungen treten auch auf beim Zusammenspiel von Zunge, Kiefer und Lippen, dies behindert dann die Aussprache. Eine richtige Artikulation kommt nur dann zustande, wenn alle Mundbewegungen bei ziemlichem Tempo zusammenwirken. Es ist nun so, dass viele Kinder mit Bewegungsstörungen nicht von alleine sprechen, sie versuchen es nicht einmal, da es zu mühsam ist. Auch Lautieren sie nur wenig. 

 

13. Alltagshilfen am Beispiel meines zu
      Anfang vorgestellten Kindes
Es ist von größter Wichtigkeit, bewegungsgestörten

Kindern durch mechanische Gehhilfen soviel Eigenbewegung wie irgend durchführbar zu ermöglichen. Hierdurch wird der Eigenbewegungssinn gefördert. Auch passive Bewegungsübungen fördern diesen Sinn, je regelmäßiger sie durchgeführt werden, umso kräftiger wird die Empfindungstätigkeit im Bereich des Eigenbewegungssinns. Die Gliedmaßen treten dann ins Bewusstsein des Kindes hinein. Die Eurythmie und die Heileurythmie sind das schönste Werkzeug zur Belebung des Eigenbewegungssinns. Auch das Element der Freude sollte sie vergessen werden, denn der Eigenbewegungssinn allein hat nicht genügend Kraft, die Freude in diesen Kinderseelen zu entzünden. Die Freude muss also auch von außen kommen.

    Im Lächeln zu handeln, im Lächeln zu helfen,

   im Lächeln um diese Kinder herum zu leben.

Bei jedem Hilfsmittel, das man einsetzt, muss man das Ziel haben, dem Wunsch des Kindes, sich zu bewegen, nachzukommen. Ein Hilfsmittel darf die Bewegungen des Kindes also nicht verhindern oder erschweren, es muss immer eine Bewegungserleichterung für das Kind gewährleisten. Wichtig ist es auch, dass man das Hilfsmittel gut im Alltag integrieren kann. Korrektur bedeutet aber auch immer, dass man einen Kompromiss eingehen muss zwischen dem Ziel, welches wünschenswert ist und den Bedürfnissen des Kindes. Dies bedeutet im Einzellfall, soviel krankhafte Anteile zuzulassen, wie es braucht, um noch selber aktiv sein zu können.  

13.1. Hilfsmittel zum selbstständigen Sitzen 

Für viele bewegungsgestörte Kinder wird freies Sitzen nie möglich sein oder nur unter Ausnutzung des krankhaften Bewegungsmusters. Oft sind diese Muster asymmetrisch und verbunden mit Überstreckungen der Beine, dadurch rutschen diese Kinder ständig nach vorne, können ihr Gleichgewicht nicht halten und nur unter erschwerten Bedingungen essen und spielen.

Welche Bedeutung hat nun ein Spezialstuhl für ein bewegungsgestörtes Kind? Das von mir zu Anfang beschriebene Kind hat einen Spezialrollstuhl für Spastiker. Dies ist ein Stuhl, der sich mitbewegt. Dadurch wird verhindert, dass das Kind bei Überstreckung der Hüfte und Beine nach vorne rutscht und damit aus der richtigen Sitzposition herausrutscht. Bei dem alten, starren Rollstuhl hat es das Kind trotz Beckenbügel (diesen beschreibe ich später noch) geschafft aus der richtigen Sitzposition zu rutschen. Dieser neue Rollstuhl streckt sich also mit, wenn das Kind sich streckt und beugt sich wieder in die richtige Position zurück, wenn das Kind sich wieder entspannt.

Der Spezialstuhl soll dem Kind eine bessere Kopfkontrolle ermöglichen, dadurch, das der Rumpf aufgerichtet wird. Durch die Verbesserung der Rumpf und Kopfkontrolle kann das Kind bei Tätigkeiten mit beiden Händen besser sein Gleichgewicht finden. Die Atmung und der Kreislauf werden verbessert. Ohne Hilfsmittel ist die Muskulatur des Oberkörpers des Kindes durch dauernde Haltearbeit so angespannt, dass nur erschwert eine gleichmäßige Atmung stattfindet.

Durch die Verbesserung der Atmung und der Kopfkontrolle, verbessern sich auch die Sprache und die Mimik.

Der Rollstuhl muss immer neu auf die jeweiligen Bedürfnisse und auf die jeweilige Größe des Kindes eingestellt werden.

Dabei muss man auf die Sitzbreite, Sitztiefe, Fußstützen, Rückenlehne, Armlehnen, Kopfstütze und die Schiebegriffe achten.

Die Sitzbreite muss genau der Körperbreite angepasst werden. Der Rollstuhl darf also nicht auf Zuwachs verordnet werden.

Die Sitztiefe muss exakt auf die Oberschenkellänge des Kindes abgemessen werden. Wenn der Sitz zu lang ist, rutscht das Kind mit dem Gesäß nach vorne und es besteht die Gefahr des Rundrückens. Auch drückt dann die Stoffbespannung in die Kniekehlen des Kindes, wodurch mehr Spannung aufgebaut wird und auf Dauer führt dies zu Durchblutungsstörungen.

Die Fußstützen müssen auf die Unterschenkellänge des Kindes eingestellt sein, sie dürfen aber trotzdem nicht die 360°-Drehung des Vorderrades beeinträchtigen. Sie sollten so angebracht werden, dass das Kind allein hinein- und herausklettern kann.

Die Rückenlehne sollte in aller Regel mit dem Bezug nur bis zum oberen Schulterblattrand reichen. Das Kind darf in seiner Bewegung des Schulter- und Kopfbereiches nicht eingeengt werden.

Bei den Armlehnen muss man darauf achten, dass der Unterarm im rechten Winkel zum Oberarm aufliegen kann. Das Ellenbogengelenk soll unter der Schulter liegen und die Schulter muss entspannt sein. Es ist wichtig, dass der ganze Unterarm und die Hand auf der Armlehne aufliegen können.

Die Kopfstütze muss so angebracht sein, dass der Kopf in Verlängerung der Wirbelsäule gehalten wird. Der Kopf muss flächigen Kontakt zur Kopfstütze haben. Die Schiebegriffe müssen unabhängig von der jeweiligen Rückenlehne zu verstellen sein, damit es den Betreuern möglich ist, den Rollstuhl ihrer eigenen Körpergröße entsprechend bequem zu schieben.

Das von mir beschriebene Kind hat nun noch zusätzlich zum Rollstuhl zwei weitere Korrekturhilfen die ihm das aufrechte Sitzen ermöglichen:

  

   

  

  

Der Beckenbügel 

Dies ist ein auf die Größe des Beckens zugeschnittener Bügel. Die beiden Auswulstungen sollen auf den vorderen oberen Beckenknochen aufsitzen. Auf den Bauch- Blasenbereich wird durch die Auswölbung des Bügels keinerlei Druck ausgeübt. Die Anbringung der Gurte am Rollstuhl einerseits, aber auch die Form des Beckenbügels andererseits üben einen beidseitigen Druck aus in Richtung unten/außen im Sinne der symmetrischen Beckenaufrichtung. Auch wird durch die Beugehaltung die das Becken aufgrund des Bügels einnehmen muss, die Spastik unterbrochen. Der Beckenbügel als einzige Korrektur angewandt, setzt eine relativ gute Kopf- und Rumpfkontrolle des Kindes voraus.

Mein Kind benutzt für die Autofahrten zur Sicherheit zusätzlich eine Brust-Schulter-Pelotte.

   

Das untere Pelottenende verläuft über die beiden Beckenknochen seitlich am Becken vorbei. Der mittlere Teil der Pelotte wird vorne über den Rumpf geführt und endet in Höhe des Brustbeines. Die beiden oberen Pelottenenden verlaufen seitlich am Hals vorbei. Die Brust-Schulter-Pelotte soll die symmetrische Aufrichtung des Beckens und des Rumpfes gewährleisten. Sie leitet gleichzeitig weiter in die

Aufrichtung des Schultergürtels und des Nackens. Indem die Brust-Schulter-Pelotte symmetrisch auf den Beckenknochen aufsetzt, hilft der Zug nach oben zur Schulteraufrichtung und zur symmetrischen Streckung der Wirbelsäule. Dies bewirkt die Kopfaufrichtung.

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13.2. Der Stehständer

Ein weiteres Hilfsmittel welches ich in den Schulalltag integriere, ist der Stehständer. Das von mir beschriebene Kind braucht, um im Stehständer stehen zu können, Orthesen. Diese sind wie ganz feste Schuhe und reichen bis zum Knie hinauf. Sie stabilisieren die achsengerechte Stellung der Gelenke. Der Stehständer hilft dem Kind nun in eine höhere Position zu gelangen, dies kann dem Kind helfen, die Aufrichtemechanismen in den unteren Positionen zu verbessern. Im Stehständer kann das Kind einen symmetrischen Stand einnehmen. Dieser wird durch die Fixierung gehalten und ermöglicht somit eine symmetrische Rumpfaufrichtung, was zu einer verbesserten Kopfkontrolle führt.

Die meisten Stehständer haben einen integrierten Tisch. An diesem kann das Kind einen symmetrischen Unterarmstütz üben. Diese so gewonnene Symmetrie verhilft dem Kind zu einer besseren Atmung, zum Mundschluss und zur Augenkontrolle. Das Hilfsmittel dient also dazu, um in einer höheren Position weiterhin an den Basisfunktionen zu arbeiten. Ein weiterer wichtiger Aspekt des Stehständers ist auch, dass das Kind einen neuen Blickwinkel bekommt. Es bekommt das Gefühl vermittelt auch „stehen zu können”. Besonders toll ist dies, wenn die anderen Kinder auch über dies „Stehen können” staunen. Auch kann sich ein Kind im Stehständer „Groß” fühlen. Wenn der Tisch des Stehständers gut angebracht ist, kann das Kind seine Arme in die Mitte bringen und hat bessere Möglichkeiten zu greifen und sich zu stützen.

Wichtig ist das Stehenüben auch für den Aufbau des Körpers. Man beugt damit Verkürzungen von Muskeln, Sehnen und Bändern vor. Der Kreislauf und die Durchblutung werden angeregt. Auch bekommen die Knochen und Gelenke durch die Belastung einen Wachstumsreiz und das Stehen verhindert das Entkalken der Knochen.

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14. Schlussbetrachtungen 

Was hat mir nun diese Arbeit für das von mir zu Anfang beschriebene Kind, für mich und auch generell gebracht? Auf jeden Fall hat sich mein Wissensspektrum erweitert. Auch kann ich mich besser in Sasis Situation einfühlen. Ich kann mir vorstellen, was sie vielleicht für Ängste hat, oder welche Anforderungen ich ihr stelle ohne zu wissen, wie hoch diese eigentlich sind. Auch bei anderen Kindern habe ich begonnen mehr auf die Bewegungen zu achten und habe nun vielmehr Ideen, wo ich ansetzen kann, um eine bestimmte Sache zu üben. Ich kann nun auch Ängste oder Hemmungen die sich in den Bewegungen zeigen besser verstehen. Am meisten hat mir persönlich der folgende kleine Spruch gebracht:

      Im Lächeln zu handeln, im Lächeln zu helfen,

     im Lächeln um diese Kinder herum zu leben. 

Für mich war dieser Spruch eine Kernaussage in meiner ganzen Arbeit. Ich habe danach begonnen diesen Spruch in die Tat umzusetzen. Und besonders bei Sasi ist es tatsächlich so, dass sie anfängt Freude an ihren eigenen Bewegungen zu bekommen. Sie lacht, wenn sie es schafft zu trinken. Sie lacht und kämpft, wenn wir versuchen auf dem Boden zu knien, sie drückt sich aus dieser Stellung hoch und versucht sich auf den Knien vorwärts zu bewegen. Und umso mehr Sasi sich freut, desto größer wird auch meine Freude. Es ist mir so bewusst geworden, was sie alles leistet und wie sehr sie gegen ihren Körper ankämpft. Dieser Kampf wird mir nun täglich bewusst bei eigentlich allen Kindern in der Schule und es freut mich, wenn ich ihnen in kleinen Schritten helfen kann, in ihren Körpern Fuß zu fassen.

 

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15. Quellenverzeichnis
Körperbehinderungen   Hrsg. Kurt Kallenbacher, 1.Auflage 2000
Von Ingeborg Hedderich,  Kinder.mit schwersten cerebralen Bewegungsstörungen
Der Therapeutisch Richtige Umgang mit Behinderten Menschen, 1988 Hrsg. Martin Sowa, 
         Nikolaus H. Metzler
 

Einführung in die Körperbe- hindertenpädagogik,1998

 

Hrsg. Ingeborg Hedderich

 

Das Behinderte Kind, 3.Auflage 1992

 

Hrsg. Gerda Werner

Vorsorge, Früherkennung, Hilfe, Ausbildung
 

Innere Medizin und Krankenpflege, 2..Auflage 1992

 

Maria Mischo-Kelling, 

Henning Zeidler
 

Pflege Heute,  2..Auflage 1998

 

Hrsg. Arne Schäffler, 

        Nicole Menche, 
        Ulrike Bazlen, 
        Tilman Kommerell
 

Therapie- und Alltagshilfen für Zerebralparetische Kinder, 1997

 

Hrsg. Renate Holtz

 

Bewegungssinn und Gleichgewichtssinn, 1994

 

Hrsg. Michael Steinke

 

Heilpädagogische Diagnostik, 3.Auflage 1983/84

 

Hrsg. Karl König

 

Sinnesentwicklung und Leiberfahrung,  4..Auflage 1995

 

Hrsg. Karl König

 

Das Entwicklungsgestörte Kind, 2.Auflage der Neuausgabe 1995

 

Hrsg. Thomas J. Weihs

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